Ketten statt Piraten

Kann Technologie helfen, dass Fischern nichts mehr durchs Netz geht? Eine Reise zum größten Ozean der Welt – und zurück.

Timoce steht am Hafenbecken, sein Blick schweift in die Weite des Pazifiks. Weite so weit das Auge reicht. Denn weit ist er wirklich, dieser Pazifik. Dreht man den Globus dort hin, bleibt vor lauter Meer kein Land in Sicht. Fast 500-mal grösser als Deutschland ist der Ozean, voller Weite, Wasser und Fisch. Und den kann Timoce riechen. Der Fidschianer steht vor der größten Thunfischfabrik des Landes in seiner Heimatstadt Levuka, einst Piratennest, dann kurz Hauptstadt des Inselstaates, jetzt vor allem Thunfischfabrik.

 

 

Doch Timoce riecht es hier nicht genug. Denn kaum ein pazifischer Thun landet in der lokalen Fabrik, kaum einer der Fidschidollar in Timoces Portmonee. Die Fische werden ihm aus der Tasche gezogen, mit tausenden Haken an hunderten Kilometern chinesischer, japanischer oder europäischer Longliner-Leinen. Diese Schiffe ziehen jährlich Thun im Wert von rund 30 Milliarden US$ aus dem Pazifik. Was in Timoces Heimat und anderen Inselstaaten hängen bleibt sind nicht mal 10%. Und so wird Levuka erneut zum Piratennest. Sogenannte Piratenfischerei tauscht die weltweit letzten bedeutenden Thunfischbestände gegen sklavenartige Arbeitsbedingungen an Bord. Die Globalisierung hat endgültig im Pazifik geankert. Doch ist der Fisch erst weg bleibt zurück nur Weite.

Digitalisierter Pazifik

Nicht mit Timoce. Denn er weiß, dass mit der Globalisierung auch die Digitalisierung in den Pazifik schwappt. Seit ein paar Jahren kann er sogar in Levuka mit seinem Smartphone ins Netz. Lässig lehnt er gegen die schwere Ankerkette eines Longliners, als würde in der Kette die Lösung für all seine Sorgen liegen. Oder tut sie das etwa? Timoce weiß, dass sein Fisch einmal um die Welt auf dem Hamburger Fischmarkt landet. Er weiß auch, dass Hamburger gern mal ein bisschen mehr zahlen wenn die Qualität stimmt. Und das Gewissen. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, auf dem viele Piraten lauern. Und welcher deutsche Schopper traut schon Piraten, die verkünden dass der Fisch auf dem Markt nachhaltig, von Hand und fair gefangen wurde, ohne Sklaven doch mit Bezahlung für Timoce?

Statt selbst auf Kaperfahrt zu gehen, arbeitet Timoce jetzt für ein fidschianische Start-Up. Zusammen wollen sie die Piraten an die Kette legen. Eine Kette des Vertrauens. Timoce klopft gegen die oberarmdicken Glieder der Ankerkette. Da kann nichts schief gehen. Man stelle sich vor, dass ein in Fidschi gefangener Thun direkt an Bord ein Etikett mit einzigartigem Kode bekommt. Diesen Kode kann man sich als einzelnes Kettenglied denken, auf dem alle Information zum Fisch steht. Zum Beispiel, wo, wie und von wem er gefischt wurde. Kommt der nächste Fisch aus dem Wasser, bekommt auch dieser einen Kode, der als weiteres Glied an die Kette gehängt wird. Das passiert direkt auf Timoces Smartphone. Aber die digitale Kette steckt nicht nur hier. Und das ist der Clou. Exakte Kopien der Kette sind auf der ganzen Welt verteilt und online verknüpft, vom Fischer, über die vielen Zwischenhändler und Transporteure bis hin zum Stand auf dem Hamburger Fischmarkt. „From Bait to Plate“. Zeitgleich wird das Glied mit der Thunfischinfo an all diesen Ketten angehängt. Alle wissen Bescheid. Dieser Fisch stinkt nicht.

Die Lange Fahrt in den sicheren Hafen

Doch die Fahrt von Fidschi nach Deutschland ist lang. Tatsächlich wird die Totenkopffahne gehisst und Piraten entern die Kette. Sie schmuggeln ein Kettenglied ein, an dem ein stinkender Fisch hängt. Doch Pech gehabt. Die korrekte Kette liegt zig-mal bei allen Beteiligten vor, wird abgeglichen und die Piraten haben keine Chance mit ihrem Schwindel. Arrr!

Ist der Fisch also sicher in Hamburg angekommen und vertrauensvoll zu einem guten Preis gutverkauft, wird automatisch die Zahlung an den fidschianischen Fischer ausgelöst, wieder absolut Piraten sicher als Glied der geteilten Kette.

Zum Bitcoin Millionär wird Timoce so vielleicht nicht, doch er zeigt, dass es neben der Kryptowährung für die sogenannte Blockkette, die Blockchain, so viele Anwendungen gibt, wie Fische im Pazifik. Das Potenzial für eine nachhaltige und faire Fischerei ist grenzenlos.

Timoce atmet tief ein und blickt zufrieden in die Weite.